Bilder aus Amerika. Von Jacob Holdt (1978). Vergrößern

Bilder aus Amerika. Von Jacob Holdt (1978).

Gut.

"Angesichts der Berichte Jacob Holdts über das 'Amerika der Angst' wirken journalistische Stories blaß. Seine fünfjährige Reportage über die 'andere Hälfte' Amerikas ist ein erschütterndes Erlebnis, das unter die Haut geht." - Ekstra Bladet.

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Art des Bucheinbandes: Taschenbuch

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"Wir Schwarzen mussten es leider so oft erleben, daß ein Weißer zu uns kommt, nur einen Bruchteil von dem, was er sieht und erlebt, versteht und dann noch zu allem Überfluß seine Fehlinterpretationen verkauft. Aber das, was Jacob Holdt machte, haben wir selten erlebt. Es bedarf nicht eines Übermaßes an Verstand, um zu begreifen, daß die Botschaft Amerikas an die Schwarzen und Braunen ist - wie es H. Rap Brown in den 60er Jahren formulierte -: Stirb, Nigger, stirb! Aber diese Botschaft wird von den meisten verdrängt. Denn die Konsequenzen, die man daraus ziehen müßte, wären fürchterlich für die, die nicht auf der Seite derer stehen können, die man die Verdammten dieser Erde nennt. 

Holdt steht auf dieser Seite. Er bringt uns eines der ausgewogensten Dokumente in Schrift und Bild, das mir jemals in die Hände gefallen ist. Holdt griff zur Kamera, weil er fürchtete, seinen Worten allein würde nicht geglaubt. Vielleicht auch, weil er seinen eigenen Augen nicht mal traute. 

Das sind auch die Gründe gewesen, warum der dänische Landsmann von Holdt, Jacob Riis, vor circa 100 Jahren anfing zu fotografieren und damit einer der Vorläufer des Foto-Journalismus wurde. Das Elend Amerikas empörte Riis, und um den Verantwortlichen Unwiderlegbares vorzulegen, fing er an, seine Reportagen mit Fotos zu illustrieren. 

Es überrascht nicht, zu erfahren, daß Riis' Buch "How The Other Half Lives" (Wie die andere Hälfte lebt), eine Dokumentation amerikanischen Slumdaseins um 1880, eine Art Schlüsselerlebnis für Holdt wurde. 

Man ist geneigt, eine Reihe von Dokumentaristen unter den Fotografen hier zu erwähnen, Leute wie Lewis Hine, Dorothea Lange, Ben Shahn, Walker Evans etc., und die sozial engagierten Fotografen, die für die Farm Security Administration um deren Direktor, Roy E. Stryker, in den 30er Jahren arbeiteten. Aber Holdt ist nicht - gleich jenen - ein engagierter Fotograf, sondern ein Betroffener, der fotografiert. 

Viele seiner Fotos sind, was die Amerikaner "grab shots" nennen, Fotos, die man auf die schnelle, ja fast im Vorbeigehen machen muß, weil nur der Augenblick die Möglichkeit dazu bietet. Holdt macht keine Trennung zwischen "Schatten- und Sonnenseite" und stellt damit für mich die wesentlichste Frage: Ob es nicht solcher Armut bedarf, um zu solch sagenhaftem Reichtum, wie es ihn in Amerika gibt, zu gelangen. 

Holdt bricht auch mit der Tradition von Stryker, der Dokumentieren als ein Festhalten von Tatsachen ohne Stellungnahme definierte, denn er nimmt eindeutig Stellung gegen das, was er das "Ausbeutersystem" nennt. 

Holdt, der jahrelang auf Tuchfühlung mit den Armen in Amerika lebte, fotografiert meistens aus der Mitteldistanz. Das fällt auf. Dadurch verfällt er nicht in die inzwischen zum Klischee gewordene Arm-aber-edel-Menschenporträt-Masche. Die Mitteldistanz erlaubt es Holdt, die unmittelbare Umwelt genauso groß ins Bild zu setzen wie die Menschen. 

Er zeigt Menschen meist in erbärmlichen Umgebungen, denn er will, wie Riis vor ihm, deren Lebensumstände anklagen. Würde man die Gesichter der Reichen, die Holdt auch fotografiert hat, durch Fotomontage in die Gettos versetzen, sie würden genauso stark auf uns einwirken. 

Holdt porträtiert, wie Riis, nicht Menschen, die arm sind, sondern die Armut und Erbärmlichkeit der Menschen. Von Jacob Riis wissen wir, daß er vieles mit seiner Fotografie bewirkte. Er mobilisierte Politiker und Gewerkschaften. Elendsviertel wurden saniert, Gesetze verabschiedet, Parks angelegt - also fast ein Happy End. Aber der Film läuft weiter, und es ist uns klar, daß Einzelkämpfer wie Riis sich heute anderer Methoden bedienen müssen. Die Massenarbeitslosigkeit, die die farbigen Minderheiten Amerikas seit eh und je plagt, ist nur durch eine Mobilisierung der Masse zu beseitigen. 

Holdts Fotobuch zeigt, wie es ist. Es ist nicht das erste, aber eines der einprägsamsten, das dieses tut. Ob es den Betroffenen hilft, kann man schwerlich voraussehen, aber die Ehrlichkeit Holdts kann den Unterdrückten bestimmt nicht schaden." - Ed Reavis.

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...James und Barabara waren ein junges schwarzes Ehepaar, das im schlimmsten Viertel der USA um die Fox Street in South-Bronx wohnte. Eines Tages hörten sie Kriminelle auf dem Dach und riefen die Polizei. Zwei Beamte in Zivil kamen zu ihrer Wohnung und traten, ohne anzuklopfen, die Tür ein. James glaubte, es seien Kriminelle, die einbrechen wollten, schoß auf die Tür und wurde selbst von der Polizei getötet. Barbara lief schreiend zu den Nachbarn. Als ich zur Polizeistation im 41. Distrikt ging, bestätigte man den Handlungsablauf und gab zu, "daß man einen kleinen Fehler gemacht habe", setzte aber gleich hinzu, daß James schließlich "selbst dafür verantwortlich sei, weil er im Besitz einer nicht registrierten Pistole war."

...Ich wartete noch eine Stunde, die letzte normale Stunde dieses Tages. Es kamen nicht mehr als zehn Trauergäste, die sich alle darüber wunderten, einen Weißen zu sehen. Ein junger Mann flüsterte mir zu, er glaube, es sei ein wenig unpassend, daß ein weißer Mann bei diesem Begräbnis anwesend sei. Plötzlich hörte ich furchtbare Schreie aus der Vorhalle und sah drei Mann, die Barbara heranschleppten. Ihre Beine schleiften über den Boden. Sie war außerstande zu gehen. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie war ein großes, schönes, hellhäutiges Mädchen. Ich zitterte, als ich ihre Schreie hörte, und war vollkommen fertig. Niemals zuvor hatte ich so schneidende und schmerzvolle Schreie gehört. Als sie an den Sarg herankam, konnte ich es kaum noch aushalten. Es war das erste und einzige Mal in Amerika, daß ich außerstande war zu fotografieren...

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